Mirna Funk: Auf einem einzigen Blatt Papier

Ursendung: 23. September 2018, Bayern 2
Regie
Komposition: Malakoff Kowalski

Jonathan ist ein Mann, der kein Gestern und kein Morgen hat. Dessen gesamtes Leben auf einem einzigen Blatt Papier stattfindet, das immer wieder gelöscht und neu beschrieben wird. Jonathan hat Israel, das Land, indem er geboren ist, noch nie verlassen. Er kann es nicht verlassen, weil er sich selbst nicht bewohnt. Er hat quasi keinen Körper, mit dem er reisen könnte. Keinen Körper, mit dem er Dinge schaffen könnte. Keinen Körper, um mit anderen in Kontakt zu treten. Er ist ein Lufthauch. Eine Sphäre. Er existiert nur als Reaktion. Es gibt von ihm ausgehend keine Aktion. Nichts, das aus ihm heraus agiert. Er reagiert nur auf Dinge, Menschen und Situationen. Sein Leben findet parallel zu all dem statt, was heute die moderne Welt mit ihren zahlreichen Möglichkeiten, dem Netzwerken, dem Reisen und dem sich selbst Entdecken ausmacht.
Dieser Mann ist ein Gegenentwurf zur gegenwärtigen Gesellschaft und doch erfahren wir viel durch ihn über ebendiese
Gesellschaft.

Auf einem einzigen Blatt Papier ist das erste Hörspiel der jüdischen Journalistin und Autorin Mirna Funk. Die 1981 geborene Ost-Berlinerin setzt sich häufig mit der eigenen Identität und Herkunft auseinander. Stets spürt man zwischen den Zeilen eine traurig-produktive Zerrissenheit. Wie kann man als Enkelin von Holocaust-Überlebenden in Deutschland leben, wo man inzwischen beinahe täglich wieder antisemitischen Übergriffen ausgesetzt ist? Aber kann man in Israel glücklich werden, einem Land im Dauerkriegszustand, dessen Politik man nicht unterstützt?
Diese Fragen ziehen sich durch Funks Werk und prägen auch den poetisch-melancholischen Ton des Hörstückes, zu dem Malakoff Kowalski den Titelsong geschrieben hat. In den 50 Minuten schafft es Funk mit ihrer geschickt arrangierten Erzählung und einem fantastischen Sprecher-Ensemble, den Zuhörer in Jonathans Universum zu ziehen. Man möchte den Protagonisten für seinen fatalen Irrglauben, er könne jede Beziehung bei Null beginnen, am liebsten zur Besinnung schütteln. Gleichzeitig beschleicht einen der Verdacht, womöglich selbst Anteile von diesem Jonathan in sich zu tragen.

Anna Steinbauer, Süddeutsche Zeitung 23. September 2018

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